
"Klingt einfach, ist aber heikel zu spielen", schreibt Eröd im knappen Einführungstext zu seinem Orchesterwerk "Réjouissance", einer Auftragskomposition der Vereinigten Bühnen Graz anläßlich der Wiedereröffnung des Grazer Opernhauses im Jänner 1985, und: "Trotz leichter Verständlichkeit sehr komplexe Form." Als 1981 die im Auftrag der Salzburger Festspiele entstandenen "Soirées imaginaires für großes Orchester" uraufgeführt werden, kann man im Programmheft lesen: "Die Besetzung des Orchesters ist herkömmlich, der Klang weniger und die musikalische Denkweise - so hoffe ich zumindest - recht eigenständig." Eröd hält nichts von weitschweifigen Analysen und verbalakrobatischen Umschreibungen eines musikalischen Geschehens; die obigen Sätze aber, so simpel sie klingen, wiegen schwer. "Das Verwaschene, Unklare mag ich nicht", sagt Eröd, zitiert Webern: "Oberstes Gebot: Faßlichkeit", und fügt hinzu: "Nicht nur in der Sprache, auch in der Musik kann man deutlich formulieren."
Der 1936 in Budapest Geborene findet in Bartóks "Für Kinder" und "Mikrokosmos" die Grundlage seiner musikalischen Muttersprache. Eröds Jugend ist im übrigen außermusikalisch geprägt von Verfolgungen, denen die Familie in der NS-Zeit des Krieges ebenso wie im Kommunismus der Nachkriegszeit ausgesetzt ist. In Budapest zum Pianisten und Komponisten herangebildet, emigriert Eröd nach dem mißglückten Ungarn-Aufstand 1956 nach Wien, macht Karriere als Pianist und wird von seinem (von ihm hochverehrten) Kompositionslehrer Karl Schiske nach Darmstadt geschickt: "Damit wir erfahren, was in der Welt los ist." In Darmstadt sieht und hört sich Eröd mit Neuestem konfrontiert, mit Werken von beispielsweise Stockhausen, Nono, Boulez.
Es ist hochinteressant und für die Situation des damaligen Musiklebens aufschlußreich zu lesen, was Eröd in einem Gespräch mit Reinhard Kapp über die Darmstädter Kurse zu berichten weiß ("Darmstädter Gespräche", Wien: Böhlau 1996). Den nach allen Seiten hin offenen und aufnahmebereiten jungen Komponisten schockiert die "Unbedingtheit der Standpunkte", in welcher das Abbrechen aller Brücken zur Ideologie ausartet, und es befremdet ihn die musiktheoretische Wortgewandtheit, mit der da bisher Unerhörtes postuliert wird. Der weltweit beschäftigte Pianist, der praktische Musiker Eröd verliert sich nicht und verliert die Realität außerhalb Darmstadts nicht aus den Augen. In einem 1979 im Institut für Österreichische Musikdokumentation mit Leo Dorner geführten Gespräch gibt er ein Statement ab, das zugleich kritischer Rückblick ist: Er könne und wolle nicht überheblich sagen, es interessiere ihn nicht, wie die Leute auf seine Musik reagieren, auch bilde er sich nicht ein, daß die Hinführung zum Verständnis "Neuer Musik" eben eine Sache der Erziehung des Publikums sei oder daß die Leute einfach ein wenig dumm seien. "Also diese Art von Rechtfertigung war mir nicht genehm." Aber zugleich erkennt und anerkennt Eröd die Wichtigkeit des Darmstädter Erlebnisses und nennt als eine der bleibenden Bereicherungen etwa den Bedeutungszuwachs der Klangfarbe als wesentliches Gestaltungselement.
Überhaupt wird, so Eröds Meinung, die Musik im Laufe ihrer Geschichte immer wieder bereichert: "Es kommen auch Brüche vor, aber nach diesen Brüchen fließt dann das Alte bis zu einem gewissen Grad wieder in den Stil ein." Eröd, bei Schiske in handwerklicher Prägnanz geschult, geht nicht außen herum, sondern mitten hindurch, eignet sich schreibend an, was anzueignen möglich ist, und komponiert seriell. "Ich glaube, ohne diese Erfahrung ging da nichts mehr weiter, auch wenn man darauf reagiert hat und das Gegenteil machen wollte." Als das Entstandene nicht eigentlich "neu", sondern "irgendwie herkömmlich" und für ihn jedenfalls unbefriedigend klingt, und als er merkt, wie eng (zumindest für ihn und sein Wollen) die Ausdrucksskala innerhalb der seriellen Musik bleibt, zieht er die Konsequenz.
Es gibt Zustimmung und Ablehnung, es gibt Mißverständnisse, es gibt den Versuch, Eröd in die Rubrik einer eben modisch gewordenen "Neuen Einfachheit" abzuschieben und die Musik des "Abtrünnigen" damit zu disqualifizieren. Das Ensemble "die reihe" zieht Eröd nur zum Klavierspielen heran, obwohl "man" natürlich um die kompositorische Potenz Eröds weiß. "Ich bin nie hingegangen mit einem Werk, und sie haben mich auch nie gefragt, ob ich was schreiben will." Die Frage, die damals zeitgeistige Gemüter bewegt, geht eben einzig dahin, wie weit eine Musik "fortschrittlich" ist und "im Trend" liegt. Ach ja. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt. Es gibt heute andere, nicht minder bewegende zeitgeistige Fragen, aber soviel weiß man inzwischen: Eröd war seiner Zeit voraus, weil er schlicht und einfach "seine" Musik komponierte. Was "seine" Musik ist, klärt sich insbesondere in den vier Jahren von 1964 bis 1968, in denen er Richard Bletschachers Opernlibretto "Die Seidenraupen" vertont, wobei es nicht allein um die Lösung stilistischer Probleme geht, sondern zugleich um Berücksichtigung dessen, was ein Komponist dem Musikbetriebsalltag noch halbwegs zumuten kann. Eröd ist damals immerhin Korrepetitor an der Wiener Staatsoper.
"Meine Absicht beim Komponieren", sagt Eröd, "ist nicht auf Originalität, sondern auf Qualität gerichtet." In seinem Violinkonzert op. 15 zielt er nach eigener Aussage auf ein für den Solisten dankbares Stück, das dem Zuhörer Freude bereitet. Als das Werk 1973 uraufgeführt wird, konstatiert Peter Vujica (der als Daniel Wolfkind den Text zu Eröds Oper "Orpheus ex machina" schreiben wird) den endgültigen Vollzug eines Wandels: "Eröds Idiom ist wohlklingend geworden. Wenn man will, schamlos wohlklingend." Und: "Eröd ist am Überdruß an den derzeit gängigen Geräuscheffekten und aleatorischen Konzepten nicht gescheitert, sondern er hat darauf reagiert." Vujica zieht die Summe: "Ein schwelgerischer Protest gegen die Routine."
An Eröds international erfolgreichem Œuvre, entstanden vorzugsweise für bestimmte Interpreten und für bestimmte Gegebenheiten, besticht die Vielseitigkeit, besticht der weitgespannte Bogen, der von tiefernsten Vokalwerken bis zum geistreichen Witz von Miniaturen wie beispielsweise den "Minderheiten Tänzen" reicht, einem Werk, das Claudius Traunfellner 1998 mit der Wiener Kammerphilharmonie im Brahms-Saal uraufgeführt hat, dessen "Bocksprünge", "Zweilinksfüßler", "Stolpertanz" oder "Raumfahrerwalzer" tatsächlich jenseits aller Tanzschulperfektion liegen, eine musikalische Vergnügung, ein "Diletto musicale", welches Prädikat nicht allzu vielen Produkten aus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts verliehen werden kann.
"Im Musikverein gut aufgehoben" überschrieb Eröd-Biograph Christian Heindl einen Aufsatz, der im April des Vorjahres in diesen Blättern abgedruckt wurde und Erinnerungen an Aufführungen Erödscher Werke ebenso weckte wie an die von Karajan bewunderte seinerzeitige Tätigkeit Eröds als Korrepetitor des Singvereins. Konkreter Anlaß für Heindls profunden Artikel war die Uraufführung des von der Gesellschaft der Musikfreunde in Auftrag gegebenen Doppelkonzerts für Klarinette und Fagott. Gerald Pachinger und Richard Galler, beide Stimmführer im Orchester der Wiener Symphoniker, haben das Opus mit der Wiener Kammerphilharmonie unter Claudius Traunfellner zum Erfolg geführt; es lag mithin für den aus Mitgliedern der Wiener Symphoniker sich rekrutierenden Wiener Concert-Verein nahe, das Stück - zweifellos zur Freude des Publikums - im diesjährigen Zyklus "Composer in Residence" neuerlich aufs Programm zu setzen.
Die 1. Symphonie mit dem vielsagenden Untertitel "Aus der Alten Welt" hat Pinchas Steinberg 1996 im Wiener Festwochenkonzert des RSO-Wien im Goldenen Saal uraufgeführt. Der 2. Symphonie, vom Wiener Concert-Verein im kommenden Mai als Uraufführung angesetzt, sehen wir neugierig und mit großen Erwartungen entgegen.
Der Autor dieser Zeilen, langjähriger Wegbegleiter des Komponisten, gibt zuletzt nicht von ungefähr einer Aussage Raum, die zutiefst berührt und kennzeichnend ist für die Geisteshaltung des Menschen und Künstlers Eröd: "Adorno sagt: Nach Auschwitz kann man keine Lyrik mehr schreiben. Nach den persönlichen Erfahrungen würde ich gerade das Gegenteil behaupten: Man muß Lyrik schreiben."
Prof. Dr. Herbert Vogg
Prof. Dr. Herbert Vogg, bis 1988 Verlagsleiter bei Doblinger, leitet heute den Musikwissenschaftlichen Verlag in Wien.
Donnerstag, 23. November 2000
Wiener Concert-Verein
Programm