
Nach Antonio Vivaldi, Christoph Willibald Gluck und Antonio Salieri widmet sich Cecilia Bartoli in ihrem jüngsten Programm nicht nur einem einzelnen Komponisten, sondern aufregenden zehn Jahren, in denen in Rom zwischen 1700 und 1710 durch eine Weisung des Papstes die Oper verboten war. „Opera proibita“ heißt das Programm, das sie nun am 15. Dezember auch im Musikverein präsentiert. Verboten schöne Musik.
„Opera proibita“: Die vor kurzem erschienene, phantasievoll aufgemachte CD setzt raffiniert einen Link zum Jahr 1959, in dem Federico Fellinis gesellschaftskritischer Totentanz „La dolce vita“ die Gemüter erhitzte. Wie sich die Bilder gleichen: Fragen der Moral werden zum Ferment eines koketten musikalischen Kunstwerks. Gleich Anita Ekberg posiert Cecilia Bartoli in der Fontana di Trevi oder zeigt dem Petersplatz, als Priesterin gewandet, den Rücken.
Das zeitlos sezierte „süße Leben“ und ihre Begeisterung für die Musik der „Römer“ Alessandro Scarlatti, Antonio Caldara und Georg Friedrich Händel erweist sich dabei als so ansteckend, daß es schon passieren kann, mit der großen Sängerin ein paar musikalische Phrasen zu wechseln, um voller Neugier das Programm nach weiteren Kostbarkeiten singend zu durchleuchten.
Aufgehobene Zeit
„Vanne pentita a piangere” – “Geh, bereue und weine” singt beispielsweise die heilige Eugenia in Antonio Caldaras Oratorium „Der Triumph der Unschuld“, und Cecilia Bartoli antwortet auf die aktuelle Gefühlsdichte dieser Musik ganz spontan: „Kunst ist wie Wasser, das sich seinen Weg bahnt. Und wir brauchen Kunst wie Wasser!“ Damit ist eigentlich über sämtliche Moden hinweg alles gesagt – und darin liegt wohl auch der Schlüssel zum Erfolg. Wenn sich Bartoli der barocken Meister annimmt, mit ihrem Team rund um Sergio Ciomei und Claudio Osele teilweise sogar erstmals vom Staub wertvoller Archive befreit, klingen gut dreihundert Jahre wie weggeblasen.
Daß das möglich ist, unterstreicht um so mehr die Qualität dieser Musik. Da „umsäuselt ein Lufthauch“ die Hoffnung, ist die Zeit „gefräßig“, badet „heißes Blut“ in König Zedekias Brust. Cecilia Bartoli agiert virtuos einfühlsam und jongliert zwischen Allegorien und biblischen Figuren mühelos hin und her. Ausgestattet mit Texten der großzügigen, nicht ganz linientreuen Kardinäle Pietro Ottoboni und Benedetto Pamphilij. „Die Inspiration, durch meine Stimme in diese Rollen zu schlüpfen, kommt aus der Musik. Sie sagt mir alles. Zuhören ist meine zielsichere Quelle.
Die Musik allein bestimmt den Grad der Leidenschaft oder die Intensität der Farben.“ Da scheint es nur logisch und konsequent, daß „ein neuer, betörender Gedanke“ in der Arie der Schönheit aus Händels „Il trionfo del tempo e del disinganno“ zum vokalen magischen Moment mutiert, in dem „die Zeit“ tatsächlich „nicht mehr die Zeit ist“. Der junge Händel wußte die römischen Mäzene zu begeistern, und Cecilia Bartoli tut das ihre dazu. Für sie ist es ein absolutes Privileg, diese Musik singen zu dürfen – Bescheidenheit auf höchstem Niveau.
Fest der Sinne
Und welch bizarre Situation: Da entstehen vor dem Hintergrund eines absoluten Opernverbotes die opernhaftesten Oratorien. Ein permanentes Fest der Sinne, in dem alles Menschliche auf der Basis sakraler Texte abgehandelt wird. „Das ist echt sehr barock“, lacht die neugierige Entdeckerin und bestätigt nach kurzer Nachdenkpause, daß sich ihre Lust im Rom zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu leben, auf genau einen Tag beschränkt.
Die Ewige Stadt kennt die gebürtige Römerin ohnedies wie ihre Westentasche. Sie genießt es, von all dem architektonischen Reichtum der Fiori Imperiali und dem genialen Geist eines Michelangelo oder Borromini umgeben zu sein. Sie schwärmt vom „mit nichts zu vergleichenden römischen Licht“, und sie empfindet die ganze Stadt als einziges großes Barocktheater. „Jeder Platz, jede Straße, jeder Stein spricht in Rom.“ Man muß natürlich auch mit sich sprechen lassen, bleibt ein verschmitztes Schmunzeln im Raum.
Virtuose Kaskaden
Um nichts weniger absurd ist die Tatsache, daß Bartoli Glanznummern von einstigen berühmten Kastraten übernimmt. Man erinnert sich an den „Rosenkavalier“ und „verkleidet“ spiegelverkehrt einen Mann als Frau, der wiederum im Stück als Mann die Liebe einer Frau in die Schranken weist. „Was für eine groteske Situation!“, die nicht nur große Phantasie sondern auch eine „hohe stimmliche Disziplin erfordert und eine gute sichere Technik für all die Sprünge und virtuosen Kaskaden“. Das sind unbedingt notwendige Voraussetzung, um soviel Musik freisetzten zu können, wie es Cecilia Bartoli vermag.
Auf der CD sind ihr Les Musiciens du Louvre und Marc Minkowski ideale Partner. „Besonders der warme, präzise Klang der Streicher kommt meiner Stimme sehr entgegen.“ Und diverse „sportliche“ Wettläufe mit der Solovioline oder der Solooboe darf man ohne Untertreibung als virtuose Duelle unter musikalischen Freunden bezeichnen. „Mit Marc Minkowski hab ich zuletzt in Zürich als Cleopatra in Händels ,Giulio Cesare‘ debütiert. Er liebt die Musik und hat eine echte Passion dafür.“ Die Freude über mögliche zukünftige Projekte ist durchaus hörbar.
Unerschöpfliche Themen
2006 wartet auf die Musikwelt nicht nur das Mozart-Jahr, Cecilia Bartoli feiert darüber hinaus 300 Jahre Händel in Rom. „Das muß ich feiern! Die starke Aktualität seiner Musik liegt darin, daß sie von menschlicher Zerbrechlichkeit und von unseren Sehnsüchten erzählt. Der Mensch ändert sich ja nicht wirklich. Die Suche nach Liebe und Glaube ist ein unerschöpfliches Thema.“ Da ist natürlich auch Mozarts Gespür nicht weit, Zwischenmenschliches zum Klingen zu bringen.
Im aktuellen Programm kratzt der sehr „polyphon agierende“ Caldara so sehr am frühen Joseph Haydn, daß man vom Vizekapellmeister am kaiserlichen Hof in Wien gerne noch weitere Archiv-Ausgrabungen hören möchte. Ebenso verblüffend „die pure Einfachheit in den eindringlichen Melodien“ des Süditalieners Scarlatti. „Händel ist immer virtuos, und alle trafen sie sich in Rom, um durch Oratorien das Opernvakuum zu füllen – was für ein Fest! Diese Musik, vor allem aus der Feder des am wenigsten bekannten Antonio Caldara, verdient absolute Beachtung!“
Spürbar seelennah
Das sollte mit der nun laufenden Welttournee auch gelingen. Wobei die Station im Wiener Musikverein für Cecilia Bartoli wie immer etwas Besonderes darstellt. „Wien ist Wien, keine Frage. Da kann man die musikalische Energie gleichsam riechen.
Ich fühle hier Musik, auch ohne sie zu hören, und der Goldene Saal erinnert mich an die Atmosphäre im Teatro Olimpico in Vincenza.“ Das Publikum reagiert stets begeistert auf diesen bewußt sinnlichen Umgang mit Noten. „Die Musik selbst ist es, die mir die Kraft und innere Gelassenheit für die Bühne gibt. Sie geht ohne Umweg direkt zu Herzen. Es ist ganz einfach wunderbar, dieses Instrument, meine Stimme, so nahe an der Seele zu spüren.“ Und wer weiß, vielleicht singt Cecilia Bartoli auch einmal Zeitgenössisches, denn, „wenn mir die Musik etwas sagt und zu meiner Stimme paßt, bin ich offen“.
Ursula Magnes
Mag. Ursula Magnes ist Musikchefin von Radio Stephansdom.
Donnerstag, 15. Dezember 2005
Cecilia Bartoli
Programm